Harald Pflug - Krimiautor

<> Wie in Zeitlupe kroch Edwards langsam rückwärts unter die Halbkette, sah sich aber dabei ständig um, um nicht den toten Preston zu berühren.
„Hucky, mein Fernglas“, flüsterte er. „Schnell, beeilen Sie sich!“

Dieser kramte oben in den Seitentaschen des Armaturenbretts den gummierten Feldstecher heraus und ließ ihn vorsichtig zur rechten offenen Tür an dem Umhängeband zu Roebuck herunter, der hastig danach griff und an Edwards weiter reichte. Vickers deutete ihm mit der flachen Hand an, in Deckung zu bleiben, er selbst presste sich blass an sein Lenkrad und starrte durch einen Sehschlitz des Panzerblechs nach draußen. Er konnte allerdings nur die Haube der Halbkette sehen.
Hätte er links durch die Sehschlitze der Fahrertür geschaut, wäre ihm sicherlich die Person aufgefallen, die in etwa zweihundertfünfzig Meter Entfernung vorsichtig rückwärts durch die spärlichen Büsche davon schlich, eine lange, schmale Tasche auf der Schulter.

 

 

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Vickers hatte Edwards in den Trümmern von Worms kennen gelernt, als dieser in einem zerbombten Haus eine Toilette entdeckt hatte und gleich benutzte. Funktionierende Toiletten waren immer knapp und auf jeden Fall besser als diese elenden, stinkenden Holzbalken in den extra dafür hergerichteten Latrinenzelten. Diese Toilette hier blitzte im saubersten Weiß aus den Trümmern hervor, als Edwards an dem halb zerstörten Haus vorbei fuhr. Als dann plötzlich während des Geschäftes die Reste der vorderen Wand des Hauses umkippten und den Jeep unter sich begruben, saß Edwards unerwartet mit nacktem Hintern im Freien. Putz rieselt von der Decke und es knackte ständig im Gebälk. Eine sehr peinliche Situation für den Offizier, wäre jemand dabei gewesen. Den jahrelangen Spott der Kameraden wollte er sich gar nicht ausmalen. Etwas blass und mitgenommen war er dann eilig aus dem Schutt gekrochen, und hatte die Reste seines zerdrückten Jeeps besichtigt, als Vickers, damals noch Fahrer eines Dodge WC-63, um die Ecke bog und Edwards fast über den Haufen gefahren hätte, wäre dieser nicht beiseite gesprungen.

Eigentlich war Vickers als Fahrer des zweiundvierzigsten Signal Corps unterwegs und beförderte Stromaggregate, Benzin, Telefondrahtrollen und andere mehr oder wenig nützliche Dinge. Diesen Abend hatte er den Auftrag, fünf vorgesetzte Staff und Master Sergeants von einer Feier mit deutschen „Ladys“ abzuholen. Viel lieber hätte er ein wenig geschlafen, stattdessen musste er genervt durch die Wormser Trümmerschluchten brausen, auf den Knien einen Zettel mit der Ortsbeschreibung. Da stand plötzlich dieser Offizier auf der Straße und sah ihn entgeistert an. Vickers fuhr geschickt einen Haken und machte sich schon für den Aufschlag bereit. Dieser blieb aber dank einer Notbremsung aus. Stattdessen öffnete sich die behelfsmäßige Beifahrertür und der Captain, der eben noch fast zum Unfallopfer wurde, stieg behände auf den Beifahrersitz.
„Taxi? Zum Kino in der Fünfundzwanzigsten, Ecke Washington, bitte!“
Vickers gaffte ihn mit offenem Mund an.
„Worauf warten Sie, Sergeant? Fahren Sie zu dem Platz hinter dem Dom, im Quadrat C drei!“
„Ist das die große Kirche mit den vier Türmen?“
„Ja, die Scouts und die Pioniere haben dahinter in dem Park ihr Hauptquartier eingerichtet.“
„Aber Sir, ich habe den Befehl…“
“Fahren Sie los! Ich werde mit Ihrem Major sprechen und ihm berichten, dass Sie mein neuer Fahrer werden wollen!“


„Miller, sagen Sie Leader One Bescheid, dass wir einen Mann verloren haben und dass wir aufgehalten wurden. Sagen Sie denen auch, dass wir in Schwetzingen einen Toten abliefern werden und schnellstens Ersatz brauchen. Außerdem sind die Vorräte fast alle, ein Großteil der Zigaretten ist nass geworden und wir wollen noch zwei Dutzend Benzinkanister. Und sagen Sie auch… Corporal Miller, hören Sie mir überhaupt zu?“
Edwards hasste es, wenn man ihn ignorierte. Normalerweise fing der Funker schon an zu sprechen, bevor Edwards seine im Kopf gespeicherte EINKAUFSLISTE herunter geredet hatte. Doch jetzt war noch Stille. Er drehte die Grease Gun auf den Rücken, warf wütend die Zigarette auf die Straße und marschierte mit großen Schritten zum Dodge, wo die Funkanlage mit der langen Antenne auf der Ladefläche eingebaut war. Durch das Tarnnetz hindurch konnte er den Funker schemenhaft vor der Funkanlage sitzen sehen.
„Sind Sie taub, Miller? Sie sollen mit Leader One …“ Edwards blieben die Worte im Hals stecken. Der junge, schwarz gelockte Corporal saß vornüber gebeugt auf seinem kleinen Klappstuhl, den Kopfhörer um den Hals gehängt, die Stirn angelehnt an der Funkanlage. In seinem Stahlhelm war am Hinterkopf ein kreisrundes, nach innen eingedrücktes Loch, auf der Frontplatte der Funkanlage ein großer, roter Blutspritzer. Das Blut war bereits teilweise in die Messanzeigen hinein gelaufen, Millers Hände hingen schlaff herunter, das Mikrofon lag blutverschmiert auf dem Boden. Private Boone saß noch immer wie angewurzelt direkt neben der Funkanlage und starrte schon einige Minuten mit offenem Mund auf den Toten.
„Verdammt! Vickers!“ brüllte Edwards „Kommen Sie her! Der Mistkerl hat auch Miller kalt gemacht!“
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Private Stanley R. Boone war ein Riese von einem Mann, knapp einsneunzig groß, über hundertzwanzig Kilo schwer und eigentlich durch nichts aus der Ruhe zu bringen. BULL wurde er von seinen Kameraden nur genannt.
Doch jetzt schaute er Edwards von der Sitzbank aus wie ein scheues Reh an. Er war nicht wieder zu erkennen. Ein Kind. 'Mama, ich habe mein Spielzeugauto verloren!' Er saß wimmernd auf der Ladefläche des Dodge, direkt neben dem toten Funker. Er hatte keinen Helm auf und sein zerzaustes, blondes Haar klebte verschwitzt an seinem runden Kopf. Außerdem zitterte er wie ein kleines Vögelchen beim ersten Ausflug. Rotz lief ihm aus der Nase.
„Joe? Eugene?“ flüsterte er mit zitternder Stimme. „Wer hat sie denn tot gemacht, Mr. Edwards? Sir, ich will nicht nach Karlsruhe. Da wir man ja erschossen. Mr. Edwards, Sir, ich will nicht erschossen werden! Die haben schon Joe und Eugene auf dem Gewissen. Bin ich der Nächste? Ich will nicht mehr hier im Dodge sitzen, Sir, lassen Sie uns bitte zurück fahren!“ Der Dicke putzte sich schniefend seine laufende Nase an den Uniformärmel, wo eine lange, nass glänzende Spur zurück blieb. Wie ein müdes Baby rieb er sich mit seinen bratpfannengroßen Händen die feuchten Augen.
Der Offizier starrte den um einen Kopf größeren Private voller Verachtung an. Seine Augenlider flatterten und die Kiefermuskulatur zuckte ununterbrochen. Dann holte er tief Luft und brüllte:
„Wenn Sie sich jetzt nicht zusammenreißen, gibt’s hier gleich ein Donnerwetter, Boone! Sie demoralisieren die Truppe! Steigen Sie aus dem verdammten Dodge aus und ziehen Sie sich mal richtig an! Wo ist Ihr Helm, Soldat? Herr Gott, bin ich hier von einem Kindergarten umgeben? Joey, reden Sie mit Boone, sonst verliere ich meine Beherrschung!“ Edwards lief kopfschüttelnd zurück zur Halbkette und ließ die beiden allein.
Vickers machte einen Schritt auf die offene Heckklappe zu und zischte zu Boone hoch: „Wenn Sie nicht in zwei Minuten fertig sind und wieder wie ein Soldat aussehen, gehen Sie den Rest des Weges zu Fuß! Merken Sie sich das!“
Boone nickte schweigend, rollte seine Masse von der Bank und von der Ladefläche herunter und stopfte sich umständlich das heraushängende, grüne Hemd in die Hose. Dann drehte er sich zurück zum Dodge, griff im Fußraum nach seinem Helm und murmelte: „Du Arschloch kannst mich mal gerne haben, bei der nächsten Gelegenheit haue ich Dich um!“
„Das habe ich gehört, Boone!“ Der Sergeant starrte den Riesen grimmig von unten an. „Machen Sie sich in Schwetzingen auf was gefasst! Hier habe ich jetzt keine Zeit für so was! Los, bewegen Sie Ihren Hintern! Holen sie sich eine Schaufel und dann buddeln Sie drei Löcher, um die Zivilisten zu begraben! Asap*, Private!“ 
Vickers drehte sich auf den Hacken um und lief auch zurück zur M3. Im Vorbeilaufen klopfte er wütend mit den Fingerknöcheln an das Ersatzrad des Dodge, welches auf dem Fahrertrittbrett befestigt war und den Fahrer dadurch zwang, auf der Beifahrerseite ein- und auszusteigen.

(*As soon as possible = So schnell wie möglich)

 

Harald Pflug  |  otonegris@googlemail.com