Harald Pflug - Krimiautor

 

F r e i ta g , 2 4 . Au g u s t  1 9 4 5 , 1 5 Uhr


Squadron Sergeant Major Livesey hatte seine Durchsuchung
nach gut einer Stunde beendet und nichts gefunden.
Der anwesende Schichtleiter schimpfte wie ein Rohrspatz
über den unangemeldeten Besuch und drohte, bei der USMilitärregierung
Beschwerde einzureichen, da irgendwer
den Pförtner angeblich grundlos verprügelt hatte.
Specialist Piece war völlig durchgeschwitzt aus dem
Werk herausgetreten und hatte an der frischen Luft erst
einmal durchgeatmet. Er öffnete den obersten Knopf
seines Hemdes und fächelte seinem Oberkörper, durch
rhythmisches Ziehen an einem Knopf in der Mitte, Luft
zu. Als er an dem Lastwagen ankam und sich die Brille
putzte, diskutierten Vickers und Cassell.
»Hallo, Jimmy, Kontrollgang beendet?«
»Ja, verdammt. In dem Werk ist es wie in einem großen
Kochtopf. Da würde ich nicht arbeiten wollen. Hast
du was zu trinken?«
Joey nickte und überreichte Piece eine Aluminium-Feldflasche.
Er hatte die zusammengerollte Zeitung unter den
Arm geklemmt, schraubte die Flasche zu und bemerkte:
»Ich wollte eigentlich mit, aber man hat mich hier zum
Taxifahrer degradiert. Jetzt soll ich immer beim Fahrzeug
bleiben«, meckerte Vickers und blickte den Major auf der
Ladefläche vorwurfsvoll von unten an.
Dieser zuckte mit den Schultern. »McNamara wollte
es. Nicht meine Idee.«
Vickers schüttelte den Kopf. »Das Seltsamste ist aber,
dass sich auf einmal jeder dran hält. Damals in Mannheim
bekamen wir einen ähnlichen Befehl, der erste, der

ihn missachtete, war der Captain selbst. Ich durfte überall
dabei sein.«
»Sergeant«, Cassell bedachte Vickers mit einem strengen
Blick. »Denunzieren Sie nicht Ihren Chef, wenn er
nicht dabei ist! Man könnte meinen, Edwards bricht alle
Gesetze der Militärverfassung. Überlegen Sie sich vorher,
was Sie sagen. Jetzt wollen wir jedoch erst mal warten,
bis der Tommy zurück ist.« Er schaute in die Runde.
»Wir lassen den Dodge hier im Werk stehen und überprüfen,
wo die Leute auf der Straße eigentlich alle herkommen.
Schauen Sie mal. Fiel mir vorhin schon auf. So
viele Leute im Rheinhafen sind auch an einem Freitagmittag
nicht normal. Von denen ist ganz bestimmt keiner
Hafenarbeiter. Gibt es irgendwo etwas umsonst?« Cassell
blickte sich suchend um. »Vielleicht hat irgendeiner
hier Kohlen verloren?«, frotzelte er.
»Haben Sie den Aufruf der Stadtverwaltung zur Rückgabe
der geklauten Kohlen im Reichsbahn-Ausbesserungswerk
gelesen, Major?«, warf Corporal Piece ein.
»Denken die hier etwa, dass die Leute das Zeug wirklich
zurückbringen?«
»Vielleicht nehmen sie die übrig gebliebene Asche!
Einen Dummen wird es sicherlich geben. Es gibt immer
mindestens einen, der sich an die Vorgaben hält und brav
die geklauten Kohlen zurück auf den Haufen schüttet.«
Joey, der wenige Minuten zuvor noch verlegen zu Boden
gestarrt hatte, amüsierte sich über seinen Kommentar.
Vergnügt klopfte er Piece auf die Schultern. »Und sich
anschließend vor lauter Dummheit den Arsch abfriert.
Jimmy, du bringst echt einen Reißer nach dem anderen.«
»Joey, das ist wahr! Das haben die wirklich in der Stadt

ausgehängt. Überall in der Stadt sind diese komischen
Steinsäulen mit einem flachen Dach drauf, auf denen die
Bevölkerung Plakate anbringen kann. Alle Nachrichten
hängen daran. Wenn du da mal anfängst zu lesen, bist du
nach einer Stunde noch nicht fertig. Die Einwohner befestigen
ihre Suchzettel nach Angehörigen da drauf. Überall.
An vielen Hausfassaden und sogar an den Bäumen.
Und wenn wir keine freie Stelle mehr vorfinden, dann
kleben wir unsere amtlichen Mitteilungen für die Bevölkerung
einfach drüber. Die haben ja sonst keinen Platz
mehr. Das ist wie mit dem Zureiseverbot weiterer Flüchtlinge.
Die Stadt kann nicht mehr verkraften. Wer in diesen
Tagen ankommt, hat kein Anrecht auf Lebensmittelmarken
und Wohnraum. Trotzdem versuchen jeden Tag Hunderte
Flüchtlinge, ehemalige Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge
hier ihr Glück. Das ist wirklich nicht mehr kontrollierbar.
Im Juli haben wir allein in Karlsruhe fast zehntausend
ehemalige Zwangsarbeiter registriert.«
»Wirklich?« Der Major sah den Corporal erstaunt an.
»Woher wissen Sie das alles?«
»Ich arbeite normalerweise in der Genehmigungsstelle
für städtische Anträge in der General-Forstner-Kaserne.
Dort werden unter anderem die Genehmigungen für die
Aushänge erteilt und anschließend an die Stadtverwaltung
zurückgeleitet. Und wenn es eilig ist, müssen wir sie auch
mal selbst ankleben. Mit Pinsel und Leim.«
Cassell war beeindruckt, schürzte die Unterlippe und
schwieg.
Kurz darauf kehrten die anderen aus dem Werk zurück,
rieben sich den Schweiß von der Stirn und fächelten sich
Frischluft zu.

Livesey nahm einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche.
Anschließend goss er sich den Rest über den
Kopf. »Leute, eine Million Pfund für einen Swimmingpool!
Wahnsinn, war es heiß in diesem verfluchten Kesselhaus;
hier draußen ist es leider nicht viel besser!« Er
rieb sich das Wasser und den Schweiß aus den Augen.
»Cassell, Sie sehen aus, als wollten Sie Bäume ausreißen.
Stimmt’s?«
Der Major nickte und sprang vom Dodge, auf dessen
Ladekante er die ganze Zeit gesessen hatte. Dann berichtete
er dem verschwitzten Engländer, was Vickers und er
beobachtet hatten sowie von seinem Vorhaben, der Ursache
für die vielen Leute nachzugehen.
Der Engländer war einverstanden. Erst jetzt erzählte er
die Geschichte, die er beiläufig von dem Pförtner erfahren
hatte. Als er die Sache mit dem Major und der Pistole
erwähnte, bekam er von Cassell einen vorwurfsvollen
Blick.
»Vickers, Sie bleiben hier.« Der Major kontrollierte
seine Offizierspistole und die Ersatzmunition.
»Aber Sir, wieso soll immer ich blöd herumsitzen,
während Sie und die anderen auf Kontrolle gehen?«,
beschwerte er sich erneut. Er ließ den Kopf hängen und
schlug mit der flachen Hand gegen die Fahrertür.
»Sie haben recht, Joey.« Livesey widersprach Cassell.
»Wie ich hörte, sind Sie früher Edwards bester Mann
gewesen und es heute sicherlich auch noch. Schließen Sie
den Laster zu und kommen Sie mit.«
Der Major knurrte kurz, schwieg jedoch. Er sah Livesey
lediglich durchdringend von der Seite an. Er hasste es,
wenn jemand seine Befehle missachtete.

»Zuschließen, Sir?« Joey gab ein gluckerndes Kichern
von sich. »Unsere Lastwagen kann man nicht abschließen.
Sie haben keine Türschlösser.« Er deutete auf die
Tür.
»Okay, dann nehmen Sie eben nur den Zündschlüssel
mit und …«
Vickers Blick wanderte in den Himmel und er legte seinen
Kopf in den Nacken.
»Wollen Sie behaupten, dass der Dodge weder Tür- noch
Zündschlüssel hat, Vickers? Wer baut denn solche
Fahrzeuge?«
»Dodge, Sir. Die Zündung wird mit einem Schalter am
Armaturenbrett an- und ausgeschaltet. Gestartet wird er
mit einem Knopf direkt daneben. Sie haben doch sicherlich
bereits mehr als einmal in einem amerikanischen
Dodge …« Der Sergeant brach den Satz überrascht ab.
»Sie haben nicht?«, flüsterte er erstaunt.
»Nein. Keine Ahnung. Da gibt es nur einen Knopf?«
»Ja, Sir!« Joey lachte. »Es gab nie Schlüssel. Unser
gepanzertes Großgerät und die Lastwagen fahren sich
komplett ohne Schlüssel! So kann jeder damit fahren, ohne
etwas aufschließen zu müssen.«
»Unglaublich. Dann könnte ja jeder Idiot den Lastwagen
starten und wegfahren. Es tut mir leid, Joey, Sie müssen
hier bleiben.«
»Nein, Sir, muss ich nicht. Dodge hatte da unbeabsichtigt
eine bessere Idee. Ich nehme einfach etwas anderes
mit.« Triumphierend hielt er dem Sergeant Major einen
kleinen abgewinkelten Metallstift mit einem Vierkant am
Ende unter die Nase.
»Was ist das?«

»Der Griff vom Benzinhahn. Wer den Dodge klauen
will, kommt keine hundert Meter weit. Spätestens dann
ist das Benzin im Vergaser verbraucht und er geht aus.«
»Sie sind ein schlauer Fuchs, Joey. Kommen Sie, lassen
Sie uns gehen.« Er klopfte dem Fahrer auf die Schulter.
Manchmal war es gut, mit den Leuten zu sprechen, auch
wenn man sich dabei selbst zum Deppen machte.

Harald Pflug  |  otonegris@googlemail.com